„Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich klingelte und er würde aufmachen. Mein eigener Großvater würde aufmachen, mitten in Berlin, 75 Jahre bevor ich hier stehe und klingle. Ich stelle mir vor, ich könnte ihm erzählen, was passieren wird. Und ihn dann davor bewahren.“
Deutschland 1933. Der junge Dirigent Walter hat in Rostock gerade sein erstes Engagement bekommen. Seine große Liebe, die Sopranistin Luise, will er so bald es geht zu sich holen. Hedwig, Walters Schwester, arbeitet unterdessen als Lehrerin in der Pfalz und denkt gar nicht daran, sich ernsthaft zu binden. Stattdessen pflegt sie die unterschiedlichsten Freundschaften – so auch zu dem Soldaten Armin, der ihrer Familie bald ein Dorn im Auge ist. Vier Leben, die sich kreuzen – und die sich auf folgenschwere Weise ineinander verflechten.
Etwa achtzig Jahre später beginnt eine junge Frau plötzlich, von ihrem Großvater zu träumen – einem Mann, den sie nie kennengelernt hat und der in den Erzählungen ihrer Familie nicht vorkommt. Sie beginnt, Fragen zu stellen. Wie konnte ein Mensch derart sorgfältig aus dem Familiengedächtnis getilgt werden? Und vor allem: Warum? Von einer immer stärker werdenden inneren Verbundenheit zu ihrem Großvater geleitet, begibt sie sich auf Spurensuche.
Ungewöhnlich, poetisch und berührend erzählt Julia Gilfert die Geschichte ihres Großvaters Walter. Eine Geschichte, die auch ihre eigene ist.
Gewicht
0,6 kg
Maße
12,5 × 19 × 2,2 cm
ISBN
978-3-96887-012-0
Seitenzahl
296
Bindung
Taschenbuch mit hochwertiger Fadenheftung – für lange Haltbarkeit
Autorin Julia Gilfert (Foto: Yvonne Keßler (YK Fotografie))
Julia Gilfert wurde 1990 als Julia Frick in Ludwigshafen am Rhein geboren, aufgewachsen ist sie im nahegelegenen Lambsheim. Nach ihrem Abitur studierte sie zunächst einige Semester Klassischen Gesang, was sie jedoch aufgrund einer akuten Erkrankung aufgeben musste. Nach zwei Semestern Evangelischer Theologie entschied sie sich nochmals für einen Neubeginn und zog nach Kiel, um dort Skandinavistik und Kulturwissenschaften zu studieren.
Private Gründe führten sie 2017 nach Unterfranken, wo sie in Würzburg ein Masterstudium im Fach Kulturwissenschaften absolvierte. Seit 2021 ist Julia Gilfert Doktorandin an der Universität Tübingen, wo sie im Rahmen eines Sonderforschungsbereichs zum Thema „Gedenkstättenarbeit im Kontext des Neuen Nationalismus“ forscht. Seit 2011 hat sie zum Schicksal ihres Großvaters Walter Frick recherchiert, aus den ursprünglich rein privaten Nachforschungen ist mittlerweile eine breitgefächerte Bildungsarbeit entstanden. Julia Gilfert lebt mit Mann, Hund und Kind in der Nähe von Kitzingen. Wenn sie nicht gerade Bücher schreibt, liest sie ihrer Tochter welche vor, ist passionierte Hobbyornithologin und für allerlei kreative Handarbeiten zu haben.
Julia Gilfert versetzt sich in die NS-Zeit und macht so Unbegreifliches nachvollziehbar bzw. nacherlebbar. Auf ergreifende und einfühlsame Weise erzählt die Enkelin das Schicksal ihres Großvaters, den sie nie kennenlernen konnte. Erst wenn man die schrecklichen Ereignisse der damaligen Zeit durch solche persönlichen Schicksale sieht, kann man wirklich begreifen, wie all das überhaupt passieren konnte, und vor allem, dass es nie wieder passieren darf.
In ihrer bildhaften Sprache beschreibt die Autorin das Schicksal ihrer Großeltern, lässt uns dabei immer wieder teilhaben am Prozess der Entstehung des Buches, indem sie zwischen den Zeit springt. Romanhafte Szenen, in denen sie die Begebenheiten von damals beschreibt, wechseln sich ab mit ihrem eigenen Erleben auf der Spurensuche, an Orten, an denen ihre Großeltern waren.
Ein sehr bedrückendes Zeitzeugnis und schlimmes Schicksal, das zeigt, wie ausgeliefert man in dieser Zeit war, wenn man eben nicht mit Hurra-Schreien in den Krieg gezogen ist.
Sehr eindrucksvoll zeigt das Buch auch, wie sehr die Nazi-Ideologie nicht nur in die Köpfe der Menschen eingedrungen ist, sondern bis in ihre Herzen. Dass selbst Geschwisterliebe davor kapituliert hat und vergessen wurde.
Wer die Möglichkeit hat, eine Lesung der Autorin zu besuchen, sollte das unbedingt tun, denn sie trägt dabei auch ein Lied vor, das ihr Großvater geschrieben hat. Absolut hörenswert. Und man denkt: Was hätte dieser Musiker in einem langen Leben noch alles erschaffen können, wenn man ihn eben nicht mit 32 Jahren ermordet hätte.
Wer gerne was über die Vergangenheit liest, wird dieses Buch lieben. Als der Autorin im Traum mehrmals ihr Großvater erschien, wollte sie mehr über dessen Leben erfahren und fing an zu recherchieren. Sein früher Tod mit 32 Jahren in einer sog. psychiatrischen Klinik ließ sie in die Vergangenheit ihrer Großeltern forschen. Hier werden insbesondere die Jahre zwischen 1921 und 1941 beschrieben. Walter Frick war Kapellmeister und mit seiner großen Liebe Luise, einer Opernsängerin verheiratet, Aus der Ehe gingen die Kinder zwei Kinder hervor, eine Tochter und ein Sohn, der Vater der Autorin. Im Laufe des Krieges verlor Walter seine Kapellmeisterstelle und wollte eine Lehrstelle für Musik annehmen. Seine Schwester Hedwig, eine für damalige Zeit sehr emanzipierte Frau, hatte ihren Beruf als Lehrerin. Doch dann heiratet sie den Hauptsturmführer Beilhack. In interessanter Weise erzählt uns Julia Gilfert das Leben ihrer Vorfahren. Sie hat die Orte besucht, an denen ihre Urgroß- und Großeltern gelebt habe. Wir können teilweise Originalbriefe lesen, ansonsten dürfen wir in Teil 2 des Buches den umfangreichen Schriftverkehr der Familie lesen. Durch die vielen Fotos werden die Personen für uns lebendig und wir können uns ein Bild von ihnen machen. Nachdem in Romanform wir die damalige Zeit miterleben dürfen, werden uns dann später die Mitglieder der Familie in einer Art Lebenslauf vorgestellt. Die Fricks hatten schwere Schicksalsschläge hinzunehmen, das Leben war für sie wirklich nicht einfach. Viele Stellen im Buch lassen uns nachdenklich werden, die ganz Lektüre hinterläßt einen bleibenden Eindruck. Das Cover zeigt die Geschwister Walter und Hedwig Frick und Walters Ehefrau Luise
Das Großvater-Paradoxon
Ein kurzer Text auf der Verlagsseite hat mich zu diesem Buch hingezogen und nicht mehr losgelassen, „Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich klingelte und er würde aufmachen. Mein eigener Großvater würde aufmachen, mitten in Berlin, 75 Jahre bevor ich hier stehe und klingle.“ – denn auch ich hätte diese Worte denken können.
Julia Gilfert hat den Gedanken an ihren Großvater, der während des zweiten Weltkriegs verstarb, seit ihrer Kindheit im Kopf, verbunden mit einer großen Sehnsucht, nach ihm und seiner Geschichte. Es ist der berühmte „Blinde Fleck“, der in vielen Familien Jahrzehnte überlebt. Als sie beginnt zu erfassen, dass ihr Großvater nicht nur an einer Krankheit, in einer Klinik verstorben ist, sondern dass sich hinter dieser Erzählung eine große, für sie alles verändernde Geschichte verbirgt, beginnt sie zu recherchieren. Sie kann im eigenen Elternhaus, in der Familie anfangen, hat das große Glück, Bilder, Briefe, Notizen und später auch Urkunden und Dokumente in Archiven zu finden. Ich kenne diese Anspannung der Recherchen nach Spuren verstorbener Verwandter nur zu gut, ich kann nachfühlen, wie sehr man selbst beeinflusst wird, das tägliche Leben gerät regelrecht durcheinander, jeder neue Fund eine neue Aufregung, manchmal auch Tränen. Julia Gilfert hat aus all dem, aus den Dokumenten, wie aus ihren eigenen Gedanken und mit sich wahrhaftig anfühlenden Fiktionen, die Leerstellen füllen, eine wunderbare Erzählung, für mich beinahe ein kleiner Roman!, geschrieben. Dieser erste Teil des Buches lässt erahnen, dass ein Künstler mit großem musikalischem Talent nicht nur Musik macht, singt oder komponiert, sondern die Worte und Gedanken auch in eine geradezu poetische Sprache fließen lassen kann. Julia Gilfert ist das gelungen, ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, so sehr berührte mich die Erzählung über ihren Großvater Walter Frick.
Walter Frick, vor dem ersten Weltkrieg geboren, wächst in einem bürgerlichen Hause auf, studiert in München Musik und wird später in Rostock als Dirigent engagiert. Da ist das Jahr 1933 schon vorüber, Hitlers Macht festigt sich, ist keine vorübergehende Erscheinung mehr. Aber Walter hat seine Luise kennengelernt und scheint von der „neuen Zeit“ zwar nicht begeistert, aber auch noch nicht allzu sehr beeinträchtigt. Zu schaffen macht ihm da eher seine Schwester Hedwig, die einen Freund bei der SA hat, der sich dann auch für die SS bewirbt. Irgendwann wird Hedwig den langjährigen Freund Armin Beilhack dann heiraten. Welches Verhängnis diese Ehe nach sich zieht, erzählt Julia Gilfert sehr detailliert und es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, als ich von der Herzlosigkeit und Unmenschlichkeit des Einzelnen wie des gesamten Hitler-Regimes las. Immer wieder.
Interessant sind am Ende des ersten Teils die Kurzbiografien und auch das erläuternde Nachwort. Da ist er dann wieder, der Blinde Fleck, den Julia Gilfert erfolgreich mit Leben gefüllt hat.
Der zweite Teil ist als „Fragmente“ angelegt, jedem Kapitel wird eine Erklärung hinzugefügt und es werden viele transkribierte Briefe im Wortlaut zitiert, von ihrem Großvater, von der Großmutter, und von Walters Hedwig, die auch eine Art Tagebuch geführt hat. Vieles wiederholt sich, was man im ersten Teil schon gelesen hat. Aus meiner Sicht wäre es interessanter gewesen, nur zusätzliche Zitate zu verwenden, die auf den ersten Teil ergänzend hätten wirken können.
Beendet wird dieses Buch durch ein Nachwort von Sigrid Falkenstein, die ich durch eine Leserunde zu ihrem Buch „Annas Spuren – ein Opfer der NS-„Euthanasie“ kennenlernte. Würde es dieses Nachwort nicht geben, hätte ich einen ähnlichen Text schreiben können, nicht nur die Schicksale der Vorfahren sind ähnlich, auch die eigene Herangehensweise an die Aufklärung und die endgültige Beseitigung des „Blinden Flecks“.
Das Cover und die Typografie sind passend zur Geschichte gewählt, der Titel im Reim auf ein „Himmel voller Geigen“ birgt Schicksal und Tragik der Hauptperson Walter Frick. Sehr dezent und doch das Geschriebene unterstreichend, wurden die Fotos im Layout verwendet. Rundum ein gelungenes Werk.
Fazit: Eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Ein junger Dirigent, der im Rahmen der NS-„Euthanasie“ ermordet wird. Zwei Kinder und fünf Enkel, die ihren Vater und Großvater nicht kennen. Eine Enkelin, die den „Blinden Fleck“ mit viel Geduld beseitigt. Großartig! Ich empfehle dieses Buch aus ganzem Herzen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
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Katja Völkel –
Radiointerview mit Julia Gilfert, SR 2 vom 19.01.2022
Nicht verifizierter Kauf. Mehr Informationen
Ulla Bucarey –
Julia Gilfert versetzt sich in die NS-Zeit und macht so Unbegreifliches nachvollziehbar bzw. nacherlebbar. Auf ergreifende und einfühlsame Weise erzählt die Enkelin das Schicksal ihres Großvaters, den sie nie kennenlernen konnte. Erst wenn man die schrecklichen Ereignisse der damaligen Zeit durch solche persönlichen Schicksale sieht, kann man wirklich begreifen, wie all das überhaupt passieren konnte, und vor allem, dass es nie wieder passieren darf.
Verifizierter Kauf. Mehr Informationen
Anja Zimmer –
In ihrer bildhaften Sprache beschreibt die Autorin das Schicksal ihrer Großeltern, lässt uns dabei immer wieder teilhaben am Prozess der Entstehung des Buches, indem sie zwischen den Zeit springt. Romanhafte Szenen, in denen sie die Begebenheiten von damals beschreibt, wechseln sich ab mit ihrem eigenen Erleben auf der Spurensuche, an Orten, an denen ihre Großeltern waren.
Ein sehr bedrückendes Zeitzeugnis und schlimmes Schicksal, das zeigt, wie ausgeliefert man in dieser Zeit war, wenn man eben nicht mit Hurra-Schreien in den Krieg gezogen ist.
Sehr eindrucksvoll zeigt das Buch auch, wie sehr die Nazi-Ideologie nicht nur in die Köpfe der Menschen eingedrungen ist, sondern bis in ihre Herzen. Dass selbst Geschwisterliebe davor kapituliert hat und vergessen wurde.
Wer die Möglichkeit hat, eine Lesung der Autorin zu besuchen, sollte das unbedingt tun, denn sie trägt dabei auch ein Lied vor, das ihr Großvater geschrieben hat. Absolut hörenswert. Und man denkt: Was hätte dieser Musiker in einem langen Leben noch alles erschaffen können, wenn man ihn eben nicht mit 32 Jahren ermordet hätte.
Nicht verifizierter Kauf. Mehr Informationen
Karin Tyralla –
sehr berührend und schön geschrieben, unbedingte Leseempfehlunhg!
Nicht verifizierter Kauf. Mehr Informationen
Elisabeth Ullmann –
Wer gerne was über die Vergangenheit liest, wird dieses Buch lieben. Als der Autorin im Traum mehrmals ihr Großvater erschien, wollte sie mehr über dessen Leben erfahren und fing an zu recherchieren. Sein früher Tod mit 32 Jahren in einer sog. psychiatrischen Klinik ließ sie in die Vergangenheit ihrer Großeltern forschen. Hier werden insbesondere die Jahre zwischen 1921 und 1941 beschrieben. Walter Frick war Kapellmeister und mit seiner großen Liebe Luise, einer Opernsängerin verheiratet, Aus der Ehe gingen die Kinder zwei Kinder hervor, eine Tochter und ein Sohn, der Vater der Autorin. Im Laufe des Krieges verlor Walter seine Kapellmeisterstelle und wollte eine Lehrstelle für Musik annehmen. Seine Schwester Hedwig, eine für damalige Zeit sehr emanzipierte Frau, hatte ihren Beruf als Lehrerin. Doch dann heiratet sie den Hauptsturmführer Beilhack. In interessanter Weise erzählt uns Julia Gilfert das Leben ihrer Vorfahren. Sie hat die Orte besucht, an denen ihre Urgroß- und Großeltern gelebt habe. Wir können teilweise Originalbriefe lesen, ansonsten dürfen wir in Teil 2 des Buches den umfangreichen Schriftverkehr der Familie lesen. Durch die vielen Fotos werden die Personen für uns lebendig und wir können uns ein Bild von ihnen machen. Nachdem in Romanform wir die damalige Zeit miterleben dürfen, werden uns dann später die Mitglieder der Familie in einer Art Lebenslauf vorgestellt. Die Fricks hatten schwere Schicksalsschläge hinzunehmen, das Leben war für sie wirklich nicht einfach. Viele Stellen im Buch lassen uns nachdenklich werden, die ganz Lektüre hinterläßt einen bleibenden Eindruck. Das Cover zeigt die Geschwister Walter und Hedwig Frick und Walters Ehefrau Luise
Nicht verifizierter Kauf. Mehr Informationen
Judith Schewe –
Das Großvater-Paradoxon
Ein kurzer Text auf der Verlagsseite hat mich zu diesem Buch hingezogen und nicht mehr losgelassen, „Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich klingelte und er würde aufmachen. Mein eigener Großvater würde aufmachen, mitten in Berlin, 75 Jahre bevor ich hier stehe und klingle.“ – denn auch ich hätte diese Worte denken können.
Julia Gilfert hat den Gedanken an ihren Großvater, der während des zweiten Weltkriegs verstarb, seit ihrer Kindheit im Kopf, verbunden mit einer großen Sehnsucht, nach ihm und seiner Geschichte. Es ist der berühmte „Blinde Fleck“, der in vielen Familien Jahrzehnte überlebt. Als sie beginnt zu erfassen, dass ihr Großvater nicht nur an einer Krankheit, in einer Klinik verstorben ist, sondern dass sich hinter dieser Erzählung eine große, für sie alles verändernde Geschichte verbirgt, beginnt sie zu recherchieren. Sie kann im eigenen Elternhaus, in der Familie anfangen, hat das große Glück, Bilder, Briefe, Notizen und später auch Urkunden und Dokumente in Archiven zu finden. Ich kenne diese Anspannung der Recherchen nach Spuren verstorbener Verwandter nur zu gut, ich kann nachfühlen, wie sehr man selbst beeinflusst wird, das tägliche Leben gerät regelrecht durcheinander, jeder neue Fund eine neue Aufregung, manchmal auch Tränen. Julia Gilfert hat aus all dem, aus den Dokumenten, wie aus ihren eigenen Gedanken und mit sich wahrhaftig anfühlenden Fiktionen, die Leerstellen füllen, eine wunderbare Erzählung, für mich beinahe ein kleiner Roman!, geschrieben. Dieser erste Teil des Buches lässt erahnen, dass ein Künstler mit großem musikalischem Talent nicht nur Musik macht, singt oder komponiert, sondern die Worte und Gedanken auch in eine geradezu poetische Sprache fließen lassen kann. Julia Gilfert ist das gelungen, ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen, so sehr berührte mich die Erzählung über ihren Großvater Walter Frick.
Walter Frick, vor dem ersten Weltkrieg geboren, wächst in einem bürgerlichen Hause auf, studiert in München Musik und wird später in Rostock als Dirigent engagiert. Da ist das Jahr 1933 schon vorüber, Hitlers Macht festigt sich, ist keine vorübergehende Erscheinung mehr. Aber Walter hat seine Luise kennengelernt und scheint von der „neuen Zeit“ zwar nicht begeistert, aber auch noch nicht allzu sehr beeinträchtigt. Zu schaffen macht ihm da eher seine Schwester Hedwig, die einen Freund bei der SA hat, der sich dann auch für die SS bewirbt. Irgendwann wird Hedwig den langjährigen Freund Armin Beilhack dann heiraten. Welches Verhängnis diese Ehe nach sich zieht, erzählt Julia Gilfert sehr detailliert und es ließ mir das Blut in den Adern gefrieren, als ich von der Herzlosigkeit und Unmenschlichkeit des Einzelnen wie des gesamten Hitler-Regimes las. Immer wieder.
Interessant sind am Ende des ersten Teils die Kurzbiografien und auch das erläuternde Nachwort. Da ist er dann wieder, der Blinde Fleck, den Julia Gilfert erfolgreich mit Leben gefüllt hat.
Der zweite Teil ist als „Fragmente“ angelegt, jedem Kapitel wird eine Erklärung hinzugefügt und es werden viele transkribierte Briefe im Wortlaut zitiert, von ihrem Großvater, von der Großmutter, und von Walters Hedwig, die auch eine Art Tagebuch geführt hat. Vieles wiederholt sich, was man im ersten Teil schon gelesen hat. Aus meiner Sicht wäre es interessanter gewesen, nur zusätzliche Zitate zu verwenden, die auf den ersten Teil ergänzend hätten wirken können.
Beendet wird dieses Buch durch ein Nachwort von Sigrid Falkenstein, die ich durch eine Leserunde zu ihrem Buch „Annas Spuren – ein Opfer der NS-„Euthanasie“ kennenlernte. Würde es dieses Nachwort nicht geben, hätte ich einen ähnlichen Text schreiben können, nicht nur die Schicksale der Vorfahren sind ähnlich, auch die eigene Herangehensweise an die Aufklärung und die endgültige Beseitigung des „Blinden Flecks“.
Das Cover und die Typografie sind passend zur Geschichte gewählt, der Titel im Reim auf ein „Himmel voller Geigen“ birgt Schicksal und Tragik der Hauptperson Walter Frick. Sehr dezent und doch das Geschriebene unterstreichend, wurden die Fotos im Layout verwendet. Rundum ein gelungenes Werk.
Fazit: Eine Familiengeschichte, die unter die Haut geht. Ein junger Dirigent, der im Rahmen der NS-„Euthanasie“ ermordet wird. Zwei Kinder und fünf Enkel, die ihren Vater und Großvater nicht kennen. Eine Enkelin, die den „Blinden Fleck“ mit viel Geduld beseitigt. Großartig! Ich empfehle dieses Buch aus ganzem Herzen.
Diese Rezension gibt meine eigene Meinung wieder und wurde nicht mit Hilfe von KI erstellt.
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